Der Tag, an dem es plötzlich dunkel wird

Veröffentlicht: Dezember 5, 2013 in Uncategorized

Bild: (c) EPA (Francesco Cufari) 

Wie wahrscheinlich ist ein überregionaler Totalausfall des Stromnetzes? Und welche Folgen hätte ein solcher Blackout? Ein Thema, das Wissenschaftler und Experten derzeit genauso beschäftigt wie Apokalyptiker.

30.11.2013 | 18:09 |  VON ERICH KOCINA UND ANDREAS WETZ  (Die Presse)

Montag, 27.Jänner, 10 Uhr. Die Österreichische Bundeswarnzentrale hat den Zivilschutz ausgelöst, weil in weiten Teilen Europas das Stromnetz ausgefallen ist. Die Behörden ersuchen die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren.

 

Es ist eine fiktive Radiomeldung, die im Großen Vortragssaal des Innenministeriums ertönt. Doch es ist eine Meldung, die so oder so ähnlich tatsächlich bald zu hören sein könnte. Das glauben zumindest die Organisatoren der Konferenz „Plötzlich Blackout“, zu der sich hier am Freitag mehr als 200 Menschen zusammengefunden haben. Blackout – das ist ein Phänomen, das in den Köpfen von Apokalyptikern ebenso herumschwirrt, wie es von unzähligen Unternehmen, Energieversorgern und Behörden ernst genommen wird. Und das zuletzt durch den gleichnamigen Bestseller von Marc Elsberg einer breiteren Öffentlichkeit dramaturgisch spannend aufbereitet vor Augen geführt wurde: In ganz Europa bricht plötzlich die Stromversorgung zusammen.

Crash im Netz. Um zu verstehen, warum ein echter Blackout immer überregional auftritt und sich schlagartig über Grenzen hinweg ausbreitet, muss man sich ein wenig mit der technischen Seite der Strom-Infrastruktur auseinandersetzen. Nationale Netze gibt es in Europa streng genommen nicht mehr – alle Betreiber, Erzeuger, Verbraucher und Händler hängen an denselben Drähten. Was umgekehrt bedeutet, dass ein lokales Problem in Norddeutschland mitunter innerhalb von Sekunden die Straßenbeleuchtung auf Sizilien beeinflussen kann.

Begreifen lässt sich das Phänomen durch einen Vergleich mit dem Straßensystem. Gibt es etwa auf der Südosttangente einen Crash, kommt der Verkehr auch auf den Ausweichrouten zum Erliegen. Im Stromnetz reichen die Probleme noch weiter: Schäden, Ausfälle, Störungen und Abschaltungen überregional bedeutender Leitungen und Umspannwerke können, wenn sie überraschend und unkontrolliert auftreten, theoretisch ganze Kontinente vom Strom trennen, weil das Übertragungsnetz ähnlich einer Reihe von Dominosteinen Stück für Stück kollabiert. Ein Stromnetz ist nämlich nur stabil, wenn die Verbraucher genauso viel Energie aus dem Netz entnehmen, wie Kraftwerke einspeisen. Allerdings liegen Produzenten und Konsumenten oft hunderte Kilometer auseinander. Ist ein wichtiger Transportweg unterbrochen, gibt es Ausweichrouten. Sind die jedoch überlastet, fliegen auch dort die Sicherungen.

Am 4. November 2006 musste der Energiekonzern E.ON in Norddeutschland zwei 380-kV-Hochspannungsleitungen planmäßig abschalten, weil ein Kreuzfahrtschiff durch einen unter der Leitung verlaufenden Kanal geführt wurde. Wegen falscher Planungen und schlechter Kommunikation weiterer Netzbetreiber waren Alternativrouten für den Stromfluss jedoch überlastet. Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Spanien und auch Österreich wurden finster. Nach 120 Minuten war der Spuk, von dem zehn Mio. Haushalte betroffen waren, vorbei. Den größten Blackout der Geschichte erlebte allerdings Indien Ende Juli 2012. Im Norden und Osten des Subkontinents waren 600 Mio. Menschen zwei Tage lang ohne Elektrizität.

Gerade in Europa kann ein solches Szenario aber besonders dramatische Folgen haben, befürchtet das Systemic Foresight Institute, das die Konferenz in Wien initiiert hat. Von einem „strategischen Schock“ wird dort gesprochen, der mit normalem Risikomanagement nicht zu bewältigen sei. Was mit daran liegt, dass Menschen hier jahrzehntelang daran gewöhnt wurden, zu jeder Zeit mit Strom versorgt zu werden. Und weil die Mentalität vorherrscht, dass sich schon jemand um alles kümmern wird.

Kein Telefon. Doch kann ein länger andauernder Blackout tatsächlich Dimensionen annehmen, die die Hilfe zunehmend schwierig machen. Das beginnt schon damit, dass ohne Strom keine Kommunikation mehr verfügbar ist. Zwar können etwa Sendeanlagen für Handys kurzfristige Ausfälle mithilfe von Akkus überbrücken – doch die halten nur 30 Minuten bis maximal zwei Stunden. Festnetztelefone haben etwas länger Saft – doch auch hier geht nach etwa acht Stunden in den Verteilerknoten nichts mehr.

Systemrelevante Einrichtungen, etwa Krankenhäuser oder große Infrastruktureinrichtungen, haben Notstromaggregate. Allein, die sind meist nur mit Diesel für rund drei Tage bestückt – und Nachschub zu organisieren wird schwierig, weil der Treibstoff ohne Strom nicht in die Autos gepumpt werden kann. Ganz ähnlich sieht es mit der Wasserversorgung aus – dort, wo es in die Häuser gepumpt werden muss, bleiben die Leitungen trocken. (Wien ist in dieser Hinsicht privilegiert, weil das Hochquellwasser durch das natürliche Gefälle auch ohne Strom in hohe Stockwerke gelangt.)

Daneben bricht auch das Versorgungssystem schnell zusammen – Waren können nur mehr transportiert werden, solange Treibstoff verfügbar ist. Wobei viele Waren ohne Strom gar nicht mehr hergestellt werden können. Vom Gemüse im Glashaus bis zu Milch von hochgezüchteten Kühen, die in riesigen Betrieben plötzlich händisch gemolken werden müssten. Und kommt die Milch nicht aus dem Euter, verenden die Kühe elendiglich – allein in Österreich wären das rund 800.000 Tiere. Die Kadaver bedeuten wieder eine Gefahr, weil Seuchen ausbrechen können.

In einer solchen Situation liegen schnell die Nerven blank. Hilft man zu Beginn vielleicht noch zusammen, um die Lage gemeinsam zu bewältigen, geht es irgendwann nur mehr um das eigene Überleben. Plünderungen können dann recht schnell passieren. Einige Supermarktketten haben für ein solches Szenario eine Lösung: Die Menschen sollen sich einfach holen, was sie brauchen – dadurch bleibt man zumindest vor Vandalismus bewahrt.

Klar ist, dass die öffentliche Sicherheit nicht allzu lange aufrechtbleibt. Schnell müsste das Bundesheer angefordert werden, um die Lage unter Kontrolle zu halten und eventuell sogar Notlager zu errichten.

Der Schaden danach. Und selbst, wenn der Strom wieder da ist, ist es noch nicht vorbei. Je nachdem, wie lang der Ausfall gedauert hat, sind riesige Schäden zu befürchten. Die verendeten Milchkühe können etwa nicht von einem Tag auf den anderen ersetzt werden, Fabriken stehen ohne Rohstoffe, Märkte ohne Waren da – bis Normalität einkehrt, kann es Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre dauern. In einer vom Infrastrukturministerium bezahlten Studie gehen Forscher davon aus, dass sich die volkswirtschaftlichen Schäden in Österreich an einem einzigen Werktag ohne Strom auf 875 Mio. Euro beliefen.

Seriös ist die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines solchen Szenarios kaum zu ermitteln. Die Austrian Power Grid (APG), die das österreichische Übertragungsnetz betreibt (siehe Grafik), weist jedoch immer wieder auf das steigende Risiko hin. Grund dafür sind vor allem fehlende Nord-Süd-Verbindungen in Europa, die durch den starken Ausbau der Windkraft in Norddeutschland und die fallende Bedeutung von Kernenergie notwendig wurden. Bläst an der Nordsee der Sturm, sucht sich der Strom seinen Weg über Polen und Tschechien – und bringt dort die Netze an ihre Kapazitätsgrenze.

Wie wahrscheinlich ein Blackout ist, darüber herrschen auch bei der Konferenz im Innenministerium geteilte Meinungen. Auch darüber, ob man auf ein solches Ereignis adäquat vorbereitet ist. Wissen etwa Hausmeister, wie man einen stecken gebliebenen Aufzug ohne Strom in den nächsten Stock bringt, um Eingeschlossene zu befreien – oder muss die Feuerwehr ausrücken, die zu diesem Zeitpunkt vielleicht anderswo viel nötiger gebraucht wird? Können die Behörden ihre Mitarbeiter mobilisieren – oder bleiben die lieber daheim bei ihren Familien? Und haben die Menschen zu Hause Vorräte angelegt, Lebensmittel, Wasser, aber auch Kerzen, und für den Winter vielleicht einen kleinen Ofen? Und gibt es in den Haushalten batteriebetriebene Radios, über die sie sich informieren können – um nicht auf Gerüchte angewiesen zu sein. Denn die kommen schnell, und mit ihnen Unsicherheit und Angst. Gerade Letztere gilt es aus Sicht der Behörden besonders zu vermeiden. Solange die Menschen das Gefühl haben, dass sie informiert sind, so lange bewahren sie Ruhe.

Am Dienstag werden Ergebnisse präsentiert, die bei der Konferenz erarbeitet wurden. Ein wichtiger Punkt dabei wird sein, dass die Behörden zunehmend versuchen, den einzelnen Bürger gezielt zur Vorbereitung auf Notfälle zu bewegen. Was keineswegs bedeutet, dass jedermann einen Bunker bauen sollte – sondern auf kleiner Ebene vernünftig haushaltet. Das beginnt mit ein paar Vorräten und geht dahin, sich mit den Nachbarn abzusprechen. Dass es etwa in einer Wohnung ein Heizgerät gibt und dort bei Bedarf alle übernachten können. Resilienz ist eines der Wörter, das in diesem Zusammenhang genannt wird – die Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber Störungen. Es ist auch jener Begriff, den das Systemic Foresight Institute in Kursen und Trainings an Unternehmen und Organisationen weitergeben will.

Ein gutes Geschäft? Ob das Risiko eines Blackouts nun tatsächlich groß ist – oder ob vor allem mit Angst ein Geschäft gemacht wird, das ist eine Frage des Zugangs. Schon beim Y2K-Bug zur Jahrtausendwende wurde mit der Angst vor dem Zusammenbruch viel Geld gemacht. Der Umstieg ins Jahr 2000 verlief letztlich ohne Probleme. Im Gegensatz dazu lässt sich allerdings nie sagen, dass nach Ablauf eines bestimmten Datums die Gefahr eines Blackouts vorbei ist. Es bleibt also genug Stoff für Apokalyptiker. Und genug Arbeit für Organisationen, Behörden und jeden Einzelnen, sich darauf vorzubereiten – wenn tatsächlich einmal für längere Zeit alle Lichter ausgehen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2013)

http://diepresse.com/home/panorama/welt/1492824/Der-Tag-an-dem-es-plotzlich-dunkel-wird

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