Gentrifizierung: Das ist nicht mehr mein Berlin

Veröffentlicht: Dezember 11, 2013 in Uncategorized

Gentrifizierung: Das ist nicht mehr mein Berlin

 

Foto: John Macdougall / AFP

 

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STIMME RUSSLANDS Immer wieder werden in Berlin ärmere Menschen und Einrichtungen aus attraktiven Stadtvierteln verdrängt, wenn die Mieten zu hoch werden oder wenn man dem Image der Gegend nicht mehr entspricht. Alexandra Gurkowa hat herausgefunden, wie Gentrifizierung das Stadtbild Berlins verändert.

Das Wort „Gentrifizierung“ erkennt nicht einmal das Textprogramm Word. Dafür verstehen sehr viele Obdachlose bereits, was sich hinter dem Anglizismus verbirgt. Die sozioökomische Umstrukturierung von zentralen Berliner Bezirken ist auf dem ersten Blick total unsichtbar. Doch genau sie betrifft die schwächsten sozialen Gruppen der Bevölkerung. Nun muss auch die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ ihre Räumlichkeiten im anziehenden Berlin-Prenzlauer Berg verlassen. 
Der Soziologe Sigmar Gude beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem der Gentrifizierung.

„Das Problem ist natürlich die Zerstörung der alten Strukturen. Und wie gesagt, wir wissen, je ärmer jemand ist, umso stärker ist er auf soziale Strukturen angewiesen. Deswegen stellen wir fest: wenn die Haushalte reicher werden, dann sind die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht mehr so eng. Die Leute finden es gut, sie sind zufrieden, aber sie machen viel weniger miteinander, wenn sie die anderen viel weniger brauchen.“ 

Ab Januar 2014 gibt es in der Hip-Gegend nicht nur für die Redaktion vom „Straßenfeger“ keinen Platz mehr. Betroffen sind ebenso das angeschlossene Café „Bankrott“, ein Trödelladen und eine Notunterkunft mit dringend benötigten Schlafplätzen für 17 Menschen. Für die letztere haben die Betreiber immer noch keinen Raum gefunden. 

„Und die Gesellschaften, die diese Siedlungen managen, das sind in der Regel städtische Gesellschaften oder mit ähnlichen Bewirtschaftungsverhalten. Sie sehen zu, dass sie eine Mischung behalten, die ihnen aus sozialen Gründen akzeptabel erscheint. Was mit den Armen passiert? Es passiert quasi eine Verdrängung in die noch schlechtere Bestände.“

Nun saniert man offensichtlich nicht allein Fassaden auf der Prenzlauer Allee, sondern auch die Mieter der anliegenden Innenhöfe. Die Bevölkerung reagiert auf solche Änderungen unterschiedlich. 

„Sehr unzufrieden sind vor allem die Leute, die in den neunziger Jahren gekommen sind. Das waren eben häufig diese Pioniere. Sie dachten: hier haben wir ein runtergekommenes Viertel, hier können wir viel machen, hier können wir unseren Lebensentwurf durchsetzen. Und die, die zum Schluss gekommen sind, die sind am stärksten zufrieden. Sie sagen: „Es ist alles wunderbar hier.“ Natürlich! Sie können es bezahlen, denn sie haben ein Einkommen, das mehr als 50 Prozent über dem Berliner Durchschnitt liegt, sie sind zufrieden.“

Ähnliche Entwicklungen wie am Prenzlauer Berg finden zurzeit auch in den Bezirken statt, die vor einigen Jahren noch als Migrantenghetto bezeichnet wurden. 2006 öffnete der Gastronom Matthias Merkle die Kneipe „Freies Neukölln“ in der gleichgenannten Gegend. Dann wurde Neukölln zum Szenekiez. Nun wird der Mietvertrag mit dem Gastronom nicht verlängert. An den Räumlichkeiten seien Immobiliengesellschaften aus London interessiert. 

„Inzwischen ist es dort auch nicht mehr frei. Wir haben dort auch mehr oder minder Vollbelegung. Ursache ist: wir hatten eine kontinuierliche Zuwanderung in den letzten fünf-sechs Jahren. Und die Ressourcen, die noch frei waren, sind inzwischen aufgebraucht. Das Problem ist nur, wo bleiben diejenigen, die dort ausziehen müssen? Dieser Prozess ist längst noch nicht mehr so freiwillig, wie es in großen Teilen zum Beginn noch war.“

Erst kommen die Migranten, dann die Studenten, dann die kreative Klasse, dann das Bürgertum, dann die Investoren. Die Soziologen bezeichnen Gentrifizierung als den neuen Mainstream. Die Einheimischen werden inzwischen weiter verdrängt.

 

http://german.ruvr.ru/2013_12_10/Gentrifizierung-Das-ist-nicht-mehr-mein-Berlin-9761/

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